Freiheit, Begegnungen und Herausforderungen
Interview

1. Stell dich bitte kurz vor und erzähle mir, welche Reisen du unternimmst.
Kirsten: Hallo, mein Name ist Kirsten, ich bin Mitte 50 und reise seit über 20 Jahren alleine. Anfangs war das eher aus der Not geboren, weil niemand Zeit hatte, mit mir zu verreisen. Meine ersten Solo-Erfahrungen sammelte ich durch Sprachkurse im Ausland. Später wurden meine Reisen immer abenteuerlicher – ob Wandern, Radfahren oder Backpacking.
Ich war mehrfach in Argentinien, bin in Frankreich und Spanien auf verschiedenen Jakobswegen gepilgert, habe den E5 von Oberstdorf nach Bozen über die Alpen bewältigt und war auf Radreisen durch Deutschland unterwegs. Besonders beeindruckend war meine Reiterreise durch den mittleren Atlas in Marokko. Dort konnte ich Städte wie Meknes, Fes und Marrakesch erkunden.
2. Was macht für dich das Alleinreisen als Frau aus?
Kirsten: Für mich bedeutet es vor allem Freiheit. Ich kann meine Pläne spontan ändern, Pausen einlegen, wenn ich müde bin, oder weitergehen, wenn ich Lust habe. Gleichzeitig öffnet mich das Alleinreisen für Begegnungen. Ich bin viel aufmerksamer für meine Umgebung und die Menschen, die mir begegnen.
Natürlich gibt es auch herausfordernde Momente: In Restaurants alleine zu sitzen oder in schwierigen Situationen keine direkte Unterstützung zu haben, kann manchmal anstrengend sein. Besonders, wenn man müde ist oder sich unsicher fühlt. Aber genau diese Erfahrungen stärken auch das Selbstvertrauen.
3. Was war dein schönstes Erlebnis als alleinreisende Frau?
Kirsten: Es gibt so viele schöne Momente! Besonders in Erinnerung bleiben mir Begegnungen mit Menschen, die mir auf meinen Reisen geholfen haben.
Ein unvergessliches Erlebnis hatte ich auf einer Wanderung, als mich ein Hund unglücklich zu Fall brachte und mein Knöchel anschwoll. Ich hatte Schwierigkeiten, eine Unterkunft zu finden, bis ein kleines Mädchen aus dem Dorf mir half. Sie führte mich zu einer Familie, die eigentlich keine Herberge betrieb – aber mich trotzdem aufnahm. Sie versorgten mich, luden mich zum Essen ein und brachten mich am nächsten Tag sogar zum Bahnhof. Diese Herzlichkeit und Gastfreundschaft werde ich nie vergessen!
4. Welches Erlebnis war vielleicht nicht so schön und was hast du daraus gelernt?
Kirsten: Eine Herausforderung ist es, abends müde zu sein und noch keine Unterkunft zu haben. Ich dachte, mit einem Zelt wäre ich flexibler, aber Wildcampen ist in vielen Ländern schwierig. Daraus habe ich gelernt, dass es gut ist, sich frühzeitig um eine Übernachtung zu kümmern – zumindest eine grobe Idee zu haben, wo man landen könnte.
Ein anderes unschönes Erlebnis hatte ich in Marokko. In meiner dritten Reisewoche war ich krank, müde und die Hitze machte mir zu schaffen. In diesem Zustand konnte ich nicht mehr so schnell reagieren, wenn mir jemand etwas aufdrängen wollte. Ich fühlte mich ausgeliefert und hätte in dieser Verfassung besser im Gästehaus bleiben sollen, statt mich ins Getümmel von Marrakesch zu stürzen.
Ein weiteres Erlebnis war in Argentinien, als ich versehentlich ein falsches Taxi genommen habe. Der Fahrer hielt mir einen Vortrag über Hitler und Deutschland, und erst am Ende stellte sich heraus, dass er gar kein offizielles Taxi war, sondern sich einfach einen Spaß erlaubt hatte. Zum Glück ist nichts passiert, aber ich habe daraus gelernt, nicht zu leichtsinnig zu sein, selbst wenn ich mich an einem Ort sicher fühle.
5. Welche Tipps gibst du Frauen, die das Alleinreisen ausprobieren möchten?
Kirsten:
- Falls du eher schüchtern bist, starte mit einer organisierten Reise oder einem Sprachkurs – das erleichtert den Einstieg.
- Hostels, Gästehäuser oder Jugendherbergen sind super, um schnell Anschluss zu finden. In Gemeinschaftsküchen oder Aufenthaltsräumen ergeben sich Gespräche fast von selbst.
- Wanderrouten wie der E5 über die Alpen sind so belebt, dass man nie wirklich allein ist, aber trotzdem selbstbestimmt reisen kann.
- Habe immer einen groben Plan für die Übernachtung – selbst wenn du flexibel bleiben möchtest.
- Wenn du dich nicht wohlfühlst, sei nicht zu stolz, um Pläne zu ändern oder dir Unterstützung zu holen.
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23. März 2025






